Eine Fashion Week in einer echten Mine, 60 Meter unter der Erde? Genau das gab es Anfang Oktober 2026 in Moldaus Hauptstadt Chișinău zu sehen. Bei der Moldovan Brands Runway AW26/27 verwandelten Designer ungewöhnliche Orte in Laufstege – vom Flohmarkt über ein Geschichtsmuseum bis zur Kosmetikfabrik. Dabei ging es um weit mehr als ausgefallene Kulissen: Die Kollektionen erzählten Geschichten über Herkunft, Identität und einen neuen Umgang mit Mode.
Vom 7. bis 10. Oktober 2026 besuchten nach Angaben der Veranstalter knapp 2.000 Menschen die Shows und Veranstaltungen. Mit dabei waren etablierte moldauische Labels, junge Designtalente und internationale Modejournalisten.
60 Meter unter der Erde: Das Modelabel ROTARI verwandelte eine aktive Mine in eine außergewöhnliche Kulisse für seine Herbst-/Winterkollektion 2026/27. Foto: Egor (@etalpmet).
60 Meter unter der Erde: ROTARI macht eine Mine zum Laufsteg
Einer der ungewöhnlichsten Momente der Moldovan Brands Runway 2026 spielte sich am 10. Oktober tief unter Chișinău ab.
Das Label ROTARI präsentierte seine Herbst-/Winterkollektion in einer aktiven Mine. Rund 60 Meter unter der Oberfläche und bei Temperaturen von etwa 14 Grad trafen elegante Abendmode, Korsetts und skulpturale Kleider auf eine raue Industriekulisse.
Der Kontrast hätte kaum größer sein können. Statt glänzender Laufstegböden und klassischer Showbeleuchtung bildete die unterirdische Umgebung den Rahmen für eine Kollektion, die mit Formen, Körperbildern und Inszenierung spielte.
Gerade solche ungewöhnlichen Locations zeigen, wie sehr sich das Format einer Modenschau verändern kann. Bereits bei den ungewöhnlichsten Fashion-Shows der Modegeschichte zeigt sich, dass eine spektakuläre Inszenierung manchmal ebenso in Erinnerung bleibt wie die präsentierte Kleidung.
Bei ROTARI wurde die Mine jedenfalls selbst zum Bestandteil der Präsentation.
Mordfall auf dem Catwalk: VYAZ. inszeniert ein Fashion-Drama
Auch VYAZ. setzte bei seiner Präsentation nicht allein auf Kleidung.
Unter dem Titel „Who Killed Denis Vang“ verwandelte das Label seine Show in eine inszenierte Mordermittlung. Die Models betraten den Laufsteg als Verdächtige. Ihre Looks wurden von Requisiten und visuellen Hinweisen begleitet, die Teil einer fortlaufenden Geschichte waren.
Am Ende stand die symbolische Wiedergeburt des Designers.
Damit löste sich VYAZ. bewusst vom gewohnten Ablauf einer Fashion-Show. Die Kleidungsstücke dienten nicht nur als Entwürfe einer neuen Saison, sondern auch als Ausdruck der jeweiligen Figuren.
Für das Publikum entstand eine Mischung aus Modenschau, Theater und visueller Erzählung.
VYAZ. inszenierte seine Show „Who Killed Denis Vang“ als ungewöhnliche Kriminalgeschichte auf dem Laufsteg. Foto: Egor (@etalpmet).
Vom Flohmarkt bis zur Fabrik: Diese Designer setzten weitere Akzente
Nicht jede bemerkenswerte Präsentation brauchte eine aufwendige Bühne. Einige Designer machten bereits vorhandene Orte und Materialien zum Mittelpunkt ihrer Kollektionen.
Alexei Sorokin: Mode zwischen Flohmarkt und Erinnerung
Designer Alexei Sorokin präsentierte seine Kollektion auf einem Flohmarkt in Chișinău.
Dafür griff er auf wiederverwendete Materialien zurück, die direkt vom Markt stammten. Moldauische Musik begleitete die Show und verstärkte den nostalgischen Charakter der Inszenierung.
Die Verbindung aus Fundstücken, lokaler Kultur und neu gestalteter Mode machte deutlich, dass kreative Entwürfe nicht zwangsläufig mit neuen Materialien beginnen müssen.
Mode zwischen Fundstücken und Erinnerungen: Alexei Sorokin präsentierte seine Kollektion auf einem Flohmarkt in Chișinău. Foto: Nikita Grimovich (@grimovichn).
PATRU: Upcycling-Mode in einer Kosmetikfabrik
Einen anderen Weg schlug PATRU ein. Das Label präsentierte in der Viorica-Fabrik eine vollständig auf Upcycling basierende Kollektion.
Bei dieser Form der Wiederverwertung werden vorhandene Materialien oder Kleidungsstücke kreativ umgestaltet und aufgewertet.
Damit griff PATRU einen Ansatz auf, der längst auch außerhalb experimenteller Laufstege relevant ist. Green Fashion und nachhaltige Mode beschäftigen sich zunehmend mit der Frage, wie bereits vorhandene Textilien länger genutzt und neu interpretiert werden können.
Allerdings gilt: Eine Upcycling-Kollektion allein belegt noch nicht die Nachhaltigkeit einer gesamten Marke. Dafür müssten unter anderem Herstellung, Materialherkunft und Produktionsbedingungen betrachtet werden.
Flori de Mai und Katea Gri: Mode jenseits des klassischen Laufstegs
Auch weitere Labels nutzten die Stadt als Teil ihrer Inszenierung.
Flori de Mai zeigte seine Kollektion im Nationalen Geschichtsmuseum Moldaus. Katea Gri entschied sich dagegen für eine eigenständige Präsentation im Showroom.
Beide Formate verdeutlichten die Vielfalt des Programms: Nicht jede Kollektion musste auf einer traditionellen Bühne gezeigt werden, um Teil der Fashion Week zu sein.
Moldovan Brands Runway 2026: Eine Fashion Week mit eigenem Charakter
Die Veranstaltung war mehr als eine Reihe außergewöhnlicher Einzelshows.
Am 8. Oktober präsentierten unter anderem Caravasili, Șotropa, VYAZ. und Julia Allert ihre Kollektionen. Einen Tag später standen im Kreativzentrum Mediacor junge Designer und etablierte Labels wie IONEL, Georgette und Altezza auf dem Programm.
Auch die Zusammenarbeit mit Unternehmen wurde sichtbar in die Shows eingebunden. So nutzte Altezza einen Auftritt des moldauischen Künstlers Constantin Moscovici, der im Rahmen einer Kooperation mit Lotus aus einem Fahrzeug auf den Laufsteg trat.
Während große Veranstaltungen wie die New York Fashion Week oft durch internationale Modehäuser, umfangreiche Schauenpläne und weltweite Aufmerksamkeit geprägt sind, setzt die Moldovan Brands Runway stärker auf die Verbindung zwischen Designern, Publikum und Stadt.
Gerade diese Nähe ist ein wichtiger Bestandteil ihres Konzepts.
Klare Silhouetten und elegante Schnitte: Auch moderne Herrenmode gehörte zu den Laufstegpräsentationen der Moldovan Brands Runway 2026 in Chișinău.
Warum die Mode aus Moldau international interessant wird
Mit der Moldovan Brands Runway AW26/27 zeigt sich, wie eine regionale Modeplattform eine eigene gestalterische Identität entwickeln kann.
Statt ausschließlich bekannten Fashion-Week-Formaten nachzueifern, nutzen die beteiligten Designer lokale Orte, kulturelle Einflüsse und persönliche Geschichten.
Die internationale Aufmerksamkeit nimmt zumindest im Umfeld der Veranstaltung Gestalt an: Nach Angaben der Organisatoren waren unter anderem Vertreter von Vogue Adria, Vogue Czechoslovakia, FashionUnited und weiteren Modemedien anwesend.
Das bedeutet nicht, dass Chișinău bereits mit den etablierten Modemetropolen konkurriert. Die Veranstaltung zeigt aber, dass interessante neue Impulse auch abseits von Paris, Mailand, London und New York entstehen können.
Entscheidend wird sein, ob sich die wachsende Sichtbarkeit langfristig in internationale Kooperationen und wirtschaftliche Chancen für die beteiligten Labels übersetzt.
Fazit: Moldaus Fashion Week überzeugt mit ungewöhnlichen Ideen
Die Moldovan Brands Runway 2026 hatte vor allem eines zu bieten: Inszenierungen mit eigenständigem Charakter.
Eine Modenschau in einer Mine, ein Kriminalfall auf dem Laufsteg und Upcycling-Kollektionen an ungewöhnlichen Orten machten die Ausgabe AW26/27 zu einem spannenden Beispiel dafür, wie unterschiedlich zeitgenössische Mode präsentiert werden kann.
Besonders interessant ist dabei die Verbindung zwischen den Entwürfen und ihrer Umgebung. Die Designer nutzten Chișinău nicht bloß als Veranstaltungsort, sondern als Teil ihrer kreativen Erzählung.
Ruxandra Schröder ist Geschäftsführerin und Chefredakteurin von Fashion Insider. Sie schreibt über Mode, Beauty, Trends und stilvolle Alltagslooks, die nicht nur in sozialen Netzwerken gut aussehen, sondern sich auch im echten Leben tragen lassen. Besonders liebt sie unkomplizierte Styles, gut sitzendes Denim und Sneaker mit dem gewissen Etwas. In sozialen Netzwerken ist Ruxandra vielen auch als Sandra bekannt.
