Auf Melisande Spenger wurde ich im Rahmen meiner redaktionellen Arbeit aufmerksam. Nicht über eine einzelne Kollektion oder einen prominenten Auftritt, sondern über die Art, wie ihr Name im Zusammenhang mit Seide, Handwerk und lokaler Fertigung immer wieder fiel. Gestern hatten wir die Gelegenheit, ausführlich miteinander zu sprechen. Kein Pressetermin, kein kurzes Statement, sondern ein Gespräch mit Zeit.
Melisande Spenger gründete ihr gleichnamiges Label mit 26 Jahren. Heute arbeitet sie in einem eigenen Atelier in München und fertigt dort einen Großteil ihrer Entwürfe selbst. Im Zentrum ihrer Arbeit steht Seide – als Material, als Entscheidung, als Grundlage ihrer Kollektionen. Im Interview spricht sie über ihre Motivation, ihre Arbeitsweise und über die Frauen, für die ihre Entwürfe gedacht sind.
Seide als Ausgangspunkt – Gespräch über Material, Handwerk und Kollektion
Fashion-Insider: Melisande, du hast dein Label mit 26 Jahren gegründet. Wenn du heute darauf zurückblickst: Was war damals der ausschlaggebende Punkt, an dem klar war, dass du diesen Schritt gehen willst?
Melisande Spenger: Der ausschlaggebende Punkt war weniger ein Bruch, sondern eher eine innere Klarheit. Ich habe früh gespürt, dass meine Sicht auf Mode, besonders als junge Frau, in der Branche zwar willkommen war, aber nicht unbedingt wahrgenommen wurde. Die Modeindustrie ist nach wie vor stark von männlichen Entscheidungsstrukturen geprägt, und vieles wird durch diesen Blick gefiltert. Schon früher habe ich gemerkt: Wenn ich wirklich zeigen will, wofür ich stehe, brauche ich eine eigene Sphäre. Mein Label zu gründen war für mich ein Akt der Selbstbestimmung und der Rebellion des bestehenden Systems. Ich wollte Mode aus einer weiblichen Perspektive erzählen, ohne sie ständig erklären oder anpassen zu müssen. Es ging weniger um ein Gegeneinander, sondern darum, meine eigene Stimme sichtbar zu machen.
Seidenstücke aus der aktuellen Kollektion im Atelier.
Seide steht im Mittelpunkt deiner Arbeit. Warum hast du dich bewusst für dieses Material entschieden und was hält dich bis heute daran?
Seide steht für mich für eine Form von Luxus, die nicht auf Schnelllebigkeit basiert, sondern auf Wert und langanhaltendem Investment.
In einer Industrie, die stark von kurzfristigen Trends und Überproduktion geprägt ist, wollte ich bewusst mit einem Material arbeiten, das Respekt einfordert, in der Herstellung, im Design und im Tragen. Hochwertige Seide wird nicht konsumiert und weggeworfen, sie wird gepflegt, repariert und über Jahre getragen. Genau darin liegt für mich ihr nachhaltiger Kern.
Gleichzeitig bietet Seide alles, was ich an Luxus schätze: ein außergewöhnliches Tragegefühl, eine schöne Haptik, eine elegante Optik und eine Qualität, die man sofort spürt.
Sie wirkt nie laut, aber immer wertig.
Diese Verbindung aus zeitloser Ästhetik und bewusster Langlebigkeit macht Seide für mich zum idealen Material, um Luxus heute neu zu definieren.
Welche Eigenschaften von Seide sind für dich im Entwurfsprozess besonders entscheidend?
Im Entwurfsprozess ist für mich vor allem der Fall der Seide entscheidend. Seide folgt dem Körper, ohne ihn einzuengen, und genau das ermöglicht Schnitte, die klar, aber trotzdem
weich wirken. Ich kann Linien entwickeln, die den Körper umspielen, statt ihn zu formen oder zu korrigieren, was ich unbedingt vermeiden möchte. Körper werden angezogen und nicht für das Kleidungsstück geformt. Die aktuelle Bewegung von Bodyshaping verurteile ich nicht, dennoch möchte ich eine Gegenidee liefern.
Meine Zielgruppe ist überwiegend über 40, und für diese Frauen steht nicht mehr das Zurschaustellen, sondern das Wohlfühlen im Mittelpunkt. Seide gibt mir die Möglichkeit,
Eleganz und Komfort gleichzeitig zu gestalten.
Aktuelle Kollektion aus Seide – Entwurf, Detailarbeit und Verarbeitung
Du arbeitest mit reiner Seide und veredelst viele Stücke durch handgearbeitete Glasperlen. Wie entsteht eine neue Kollektion bei dir – eher aus dem Material heraus oder aus einer konkreten Vorstellung?
Ich arbeite immer aus einer klaren stilistischen Linie heraus. Meine Kollektionen entstehen nicht zufällig, sondern folgen einer sehr bewussten ästhetischen Haltung. Die Materialien wie reine Seide und handgearbeitete Glasperlen, sind Teil dieser Sprache, aber sie stehen nicht am Anfang, sondern im Dialog mit einer sehr konkreten Vorstellung von Stil. Inspiration finde ich
vor allem in der Pariser Mode der 1920er- und 1930er-Jahre und in der japanischen Mode, insbesondere im Kimono und in der Eleganz der japanischen Haltung. Beide Welten verbindet eine besondere Klarheit: reduzierte Formen, ein bewusster Umgang mit Stoff und eine starke, ruhige Präsenz.
Seide und Schnittmuster während der Entwurfsarbeit im Atelier.
Du schneiderst und nähst selbst in deinem Atelier in München. Warum war es dir wichtig, Entwurf und Umsetzung so eng miteinander zu verbinden?
Für mich war es von Anfang an wichtig, Entwurf und Umsetzung nicht zu trennen. Indem ich selbst in meinem Atelier in München schneidere und nähe, habe ich die volle Kontrolle
über jedes einzelne Stück, nicht nur gestalterisch, sondern auch ethisch. Es gibt keine Berührung mit unfairer oder intransparenter Herstellung. Ich weiß genau, wer ein Kleidungsstück anfasst, wie es entsteht und unter welchen Bedingungen. Gleichzeitig ermöglicht mir diese Nähe zum Produkt eine Präzision, die man in der industriellen Fertigung nicht erreicht. Jedes Teil wird von Hand verarbeitet, jede Naht, jede Glasperle sitzt bewusst.
Dadurch ist kein Stück exakt wie das andere und genau diese leichte Unregelmäßigkeit macht den wahren Luxus aus. Es geht nicht um Perfektion im maschinellen Sinn, sondern um die
Qualität und Persönlichkeit echter Handarbeit.
Viele sprechen bei Seide von Luxus. Du sprichst eher von Tragegefühl und Hautverträglichkeit. Welche Rolle spielt dieser Aspekt bei deinen Entwürfen?
Luxus spielt in meiner Arbeit immer eine Rolle, aber nicht im oberflächlichen Sinn. Für mich beginnt Luxus beim Körper. Seide hat eine außergewöhnliche Hautverträglichkeit und einen
fast schon therapeutischen Effekt. Sie ist temperaturausgleichend, sehr glatt und reduziert Reibung was bei sensibler Haut, Unreinheiten oder Irritationen einen spürbaren Unterschied
machen kann. Viele meiner Kundinnen beschreiben Seide fast wie einen Wellnessfaktor: Sie beruhigt die Haut, fühlt sich kühlend oder wärmend an, je nachdem, was der Körper braucht,
und sie legt sich wie eine zweite, sehr angenehme Schicht auf den Körper. Dieses unvergleichliche Tragegefühl beeinflusst meine Entwürfe stark, weil ich möchte, dass Kleidung nicht nur gut aussieht, sondern sich den ganzen Tag über gut anfühlt. Für mich ist das eine der stillsten, aber wichtigsten Formen von Luxus.
Arbeitsweise, Zeit und Entscheidung in der Mode
Deine Entwürfe sind bewusst nicht trendgetrieben. Wie gehst du mit dem schnellen Rhythmus der Modebranche um?
Ich arbeite bewusst außerhalb dieses schnellen Rhythmus, weil er für mich weder nachhaltig noch kreativ sinnvoll ist. Langlebigkeit ist die einzig ehrliche Form von Nachhaltigkeit. Wenn ein Kleid nach zwei Saisons irrelevant wird, ist es egal, wie ‚grün‘ es produziert wurde. Die Modebranche muss hier grundlegend umdenken, und ich habe für mich entschieden, kein Teil dieses permanenten Überproduzierens und Ersetzens zu sein. Ich entwerfe Stücke, die getragen, behalten und weitergegeben werden können. Handwerk und zeitloser Stil sind für mich der wahre Luxus, nicht Geschwindigkeit und nicht Trendzyklen. Wenn etwas gut gemacht ist und eine klare ästhetische Haltung hat, braucht es keine ständige Neuerfindung.
Nachhaltigkeit ist ein zentrales Thema deines Labels. Was bedeutet nachhaltiges Arbeiten für dich konkret im Alltag?
Nachhaltigkeit bedeutet für mich, Verantwortung zu übernehmen, ohne dabei den ästhetischen Anspruch meiner Zielgruppe zu vernachlässigen. Es braucht schöne, begehrenswerte Mode, und genau daran scheitert nachhaltige Mode bislang oft. Diese Lücke möchte ich füllen. Nachhaltigkeit ist keine Option mehr, sondern eine Notwendigkeit: Die Modebranche ist übersättigt von Fast Fashion und braucht dringend Gegenwind. In meinem Alltag heißt das, bewusst zu produzieren, ausschließlich nachhaltige Materialien zu verwenden und jede Entscheidung, vom Stoff bis zum Produktionsprozess, mit Bedacht zu treffen. Mein Ziel ist es zu zeigen, dass Design, Qualität und Nachhaltigkeit kein Widerspruch sind.
Abstimmung zu Entwürfen aus Seide während der Atelierarbeit.
Du arbeitest mit lokalen Designer:innen und Schneider:innen zusammen. Wie wichtig ist dir dieser Austausch im kreativen Prozess?
Der Austausch ist mir sehr wichtig. Auch wenn wir bisher ein kleines Team sind, verlasse ich mich auf jede einzelne Person, mit der ich arbeite. Ich kann über die Zusammenarbeit nur
lobende Worte verlieren. Das enge, vertrauensvolle Miteinander bereichert den kreativen Prozess und sorgt dafür, dass Ideen gemeinsam wachsen und sich weiterentwickeln können.
Du bietest auch personalisierte Anfertigungen und Maßtermine im Atelier an. Was verändert sich für dich, wenn du direkt mit der Kundin arbeitest?
Wenn ich direkt mit der Kundin arbeite, entsteht eine ganz andere, persönliche Verbindung. Maßtermine ermöglichen es mir, mit viel Liebe zum Detail zu arbeiten und individuell auf
Wünsche einzugehen. Gleichzeitig spüren die Kundinnen, wie viel Sorgfalt und Aufmerksamkeit in jedes einzelne Teil fließt und genau das schafft eine besondere Wertschätzung und Liebe gegenüber den Stücken.
Für welche Frauen entwirfst du deine Seidenstücke? Gibt es eine bestimmte Haltung oder Lebensweise, die deine Kundinnen verbindet?
Ich entwerfe meine Seidenstücke für Frauen über 40, die Luxus nicht laut, sondern bewusst leben. Es sind Frauen, die Handwerk schätzen, ein feines Gespür für Stil haben und Wert auf
Langlebigkeit legen. Sie entscheiden sich für Qualität statt Kurzlebigkeit und fühlen sich von stillem Luxus angezogen. Von Stücken, die zeitlos sind, Haltung zeigen und über viele Jahre hinweg begleiten.
„Luxus der bleibt“ – Melisande Spenger
Ausblick auf die neue Kollektion im März
Im März erscheint deine neue Kollektion. Kannst du bereits verraten, in welche Richtung sie sich entwickeln wird?
Die neue Kollektion knüpft konsequent an die Linie von Melisande an. Die vertraute Ästhetik bleibt erhalten, wird jedoch durch neue Farben erweitert. Der Glamour bleibt dabei ein zentrales Element. Er entwickelt sich weiter, ohne an Intensität zu verlieren. Die Kollektion steht für Kontinuität, Verfeinerung und eine selbstverständliche Eleganz.
Entwurfsarbeit mit Seide im Atelier.
Wird Seide auch in der kommenden Kollektion wieder im Mittelpunkt stehen – oder experimentierst du mit neuen Materialien?
Seide wird auch in der kommenden Kollektion weiterhin im Mittelpunkt stehen. Sie ist ein zentrales Element meiner Arbeit und prägt die Handschrift des Labels. Gleichzeitig bin ich offen für Experimente: Zu Weihnachten habe ich bereits mit Fake-Fur gearbeitet, und solche Materialexperimente wird es auch in Zukunft immer wieder geben. Ergänzt wird die Seide dabei weiterhin durch Details wie Perlen, die den Stücken zusätzliche Eleganz und den Glamour verleihen.
Was unterscheidet die kommende Kollektion von der aktuellen, ohne zu viel vorwegzunehmen?
Ohne zu viel vorwegzunehmen lässt sich sagen: Die kommende Kollektion ist deutlich sommerlicher. Sie zeigt mehr Haut, arbeitet mit mehr Leichtigkeit und Bewegung und bringt eine luftigere, fast fließende Verspieltheit mit sich. Auch die Farbwelt wird heller – insgesamt wirkt alles leichter, weicher und noch sinnlicher.
Vielen Dank für das Interesse und den Raum, meine Arbeit und Haltung zu teilen.
Es ist mir wichtig, Mode als etwas Nachhaltiges, Wertvolles und Persönliches zu denken und ich freue mich darauf, diesen Weg weiterzugehen und im März mit der neuen Kollektion ein weiteres Kapitel aufzuschlagen.
Zelebriert die Liebe zu Euch und Eurem Körper und tut ihm Gutes. Innen und aussen. Das schafft Schönheit und Gesundheit. – Melisande Spenger
